Bettwanzen auf dem Jakobsweg – Von Wanzentaxis, Pilgerherbergen, Vorbeugung und Behandlung

Auch Bettwanzen pilgern, und benutzen sogar oft ein Taxi, das sogenannte Wanzentaxi – den Pilger. Mit über  230 000 Pilgern die sich jährlich auf den Camino machen und von Herberge zu Herberge ziehen, ist es ein richtiges Wunder das sich die Wanzen nicht früher breit gemacht haben! Aber, abgesehen von vereinzelten Fällen, kam es erst ab 2005 zur ersten großen Bettwanzenepidemie der Neuzeit auf dem Jakobsweg, auf dem Camino Francés. Mit den Jahren haben sich die Biester dann auch über die anderen Jakobswege ausgebreitet und sind so, zum Beispiel 2010 (pünktlich zum Heiligen Jahr!) auf dem Camino Portugués angekommen. Auch in Frankreich sind sie übrigens zu finden.

Trotzdem sollte der / die potentielle PilgerIn jetzt nicht in Panik verfallen! Ja es gibt Bettwanzen auf dem Jakobsweg, nein sie warten nicht in jeder Herberge, oder Hotel, auf ‚Blutspender‘ und mit ein bisschen Vorsicht kann man ihnen auch vorbeugen.

Ich selber bin den Jakobsweg schon mehrmals gelaufen und habe nur ein einziges Mal Probleme mit Bettwanzen gehabt und das war letztes Jahr in Frankreich. Also, Vorsicht ja, Panik unnötig.

Wie kamen die Bettwanzen auf den Jakobsweg?

Sie haben ihn nie verlassen, schon mittelalterliche Pilger beschwerten sich über beißende und stechende Insekten in den Herbergen, mit dem Niedergang des Jakobsweges und der Einführung von Insektiziden wie DDT sind sie dort, wie auch im Reste Europas, fast ganz ausgestorben. Das Wiederaufleben des pilgerns, das in den achtziger Jahren begann, die Zunahme der internationalen Pilger, die von der ganzen Welt anreisen und das Verbot bestimmter Insektizide (zu Recht!), wie DDT, erlaubten ihnen sich wieder zu vermehren.

Das Jakobsweg spezifische Problem sind die Pilger und der laufende Herbergsbetrieb. Selbst die beste und sauberste Herberge kann nur so viel tun. Selbst wenn eine Herberge regelmäßig schließen würde, um die Biester ‚auszuräuchern‘ könnte schon der nächste Pilger wieder eine neue Bevölkerung einschleppen. Deshalb sind die Vorkämpfer gegen die Bettwanzen nicht die Leiter und Besitzer der Pilgerherbergen, sondern die Pilger selbst. Hier was man und frau tun kann um sich, und anderen, zu helfen den Camino wieder bettwanzenfrei zu kriegen.

So, was kann der Pilger / die Pilgerin tun? – Vorbeugung!

Meine Hauptartikel ‚Bettwanzen Vorbeugung‚ und ‚Bettwanzen bekämpfen – Auf Reisen‚ möchte ich hier nicht wiederholen, deshalb hier nur Jakobsweg spezifische Tipps:

Radio Camino

Nein, das ist keine Radiostation die Camino News verbreitet, das ist der Spitzname der Gerüchteküche und des Nachrichtennetzes, auf dem Camino de Santiago, wie der Jakobsweg ja auf spanisch heißt. Die Herbergseltern halten sich untereinander auf dem laufenden und so tun es die Pilger. Natürlich muss man gesunden Menschenverstand walten lassen, nicht alles was man auf ‚Radio Camino‘ hört stimmt auch. Hier die beiden besten Informationsquellen:

‚Rückwärts‘ Pilger

Im Mittelalter liefen alle Pilger wieder nach Hause, o.K., bis auf die die das Schiff nahmen … Heute ist das schon seltener, aber es gibt es immer noch Pilger die zurücklaufen und die sind natürlich eine der besten Informationsquellen wie es auf den nächsten Etappen aussieht und die meisten freuen sich ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen. Also fragen!, wenn nötig mit Händen und Füßen und Zeichensprache und / oder einen sprachkundigen Mitpilger um Übersetzungshilfe bitten!

Hospitaleros – Herbergseltern

  • Gibt es in der nächsten Herberge Bettwanzen? – ¿Hay chinches en el próximo albergue?

Ist eine Frage die man ihnen regelmäßig stellen sollte. Für andere Übersetzungen des Begriffes ‚Bettwanze‘ in andere Sprachen bitte hier nachschauen: ‚Bettwanzen in anderen Sprachen

Und immer bedenken das es die Bettwanzen nicht nur in einfachen Pilgerherbergen geben kann, sondern auch in Nobelhotels. Wer, wie Hape Kerkeling vorzieht nur in Nobelherbergen abzusteigen, wird deshalb noch lange nicht vor den Biestern sicher sein! Und wer, wie Hape auch, schon mal gerne den öffentlichen Nahverkehr benutzt um sich eine ‚Strapaze‘ zu ersparen, sollte auch wissen das es im Gepäckfach auch von diesen Tierchen wimmeln kann … Also vielleicht besser laufen!

So, wenn man sich umhört wie die aktuelle Lage auf der nächsten Etappe ist, das ist schon die halbe Miete. Die andere Hälfte besteht daraus die ‚Ansteckungsgefahr‘ zu verringern. Hier eine Übersicht:

Rucksack niemals aufs Bett stellen oder legen.

Rucksack auch nicht an die Wand oder gegen das Bett lehnen – vor allen Dingen nicht über Nacht. Bettwanzen halten sich nicht nur im Bettgestell und der Matratze auf, sondern in allen Spalten und Ritzen, Wände eingeschlossen.

Bettwanzen-frei Schutzlaken (siehe http://bettwanze.org/bettwanzen-frei-reise-schutzlaken/02/2011/) und Bettwanzenspray benutzen. Allerdings muss gesagt werden das es immer mehr Bettwanzenstämme gibt die gegen den Hauptwirkstoff ‚Permethrin‘ resistent sind! Im besten Falle hält Permethrin, entweder ins Laken eingearbeitet oder auf den Rucksack gesprüht, die lieben Tierchen davon ab sich wie zu Hause zu fühlen und mit auf die Pilgerreise zu gehen. Und manchmal bringt es sie sogar um. Auch wenn das für den Jakobsweg weniger wichtig ist sollte man immer bedenken das Permethrin zwar für die meisten Säugetiere unschädlich ist, und das schließt den Menschen ein, aber für Katzen sehr gesundheitsschädlich ist … Also Mieze von der Pilgerausrüstung fern halten wenn man wieder zu Hause ist!

Pausen gut nützen

Wer im Sommer unterwegs ist hat eine Verbündete – die Sonne! Und auch die Hitze, immer daran denken das Bettwanzen bei über 45C nach 30 Minuten absterben, bei höheren Temperaturen sogar eher. Wie man solche Temperaturen im Rucksack auf der Pilgerschaft erreicht ist eigentlich ganz einfach. Sonnige Ecke mit hellen Mauern, die die Hitze reflektieren, und den Rucksack, ohne hitzeempfindliche Gegenstände natürlich, für eine halbe Stunde, oder länger, in die Ecke stellen und ‚durchbacken‘ lassen.

Vorher lüften, Gepäck in der Sonne ausbreiten und ausschütteln kann auch helfen, aber dabei sollte man zwei Dinge beachten. Was Bettwanzen umbringt ist die Hitze und nicht das Sonnenlicht und ausschütteln sollte nur dort geschehen wo keine Gefahr besteht das sich andere Menschen, Pilger oder Einheimische, die Bettwanzen ‚aufschnappen‘, also am besten am Wiesenrand, abseits des Weges …

Im Refugio (Pilgerherberge)

Vorbei sind die Zeiten der Handwäsche und die dreckigen Sachen einfach mit in die Dusche zu nehmen reicht auch nicht mehr. Glücklicherweise gibt es heute in vielen Herbergen eine Waschmaschine und auch oft einen Trockner. Hier ist es nun wichtig das man seine Pilgerkleidung so gewählt hat, dass sie 60C und ’sehr heiß‘ im Trockner übersteht…

Extratip: Herbergseltern fragen, manchmal ist eine Waschmaschine nur zum privaten Gebrauch der hospitaleros vorhanden und fragen kostet ja nichts …

  • Donde puedo encontrar una lavadora – Wo kann ich eine Waschmaschine finden

kann da schon weiterhelfen …

Und wenn es keinen Trockner gibt, wenigstens die frisch gewaschenen Sachen in die pralle Mittagssonne hängen – zum aufheizen!

Draussen schlafen

Jeder Pilger träumt, am Ende der Tagesetappe, von einem weichen Bett, aber je nach Jahreszeit und ‚Bettwanzen Status‘ der Herberge kann es besser sein draußen zu schlafen – außerdem erspart man sich dann die Schnarchkonzerte der lieben Mitpilger.

Ich bin einmal den Jakobsweg so gelaufen. Während des Tages, wenn die Bettwanzen schliefen, habe ich in einer Herberge angehalten, gekocht, gewaschen und getrocknet, im Garten ausgeruht und nach der größten Hitze bin ich dann am Nachmittag und Abend weitergelaufen und habe draußen übernachtet. Resultat: Keine Bettwanzen, keine Schnarchkonzerte und ein wunderschöner Camino an den ich noch heute gerne zurückdenke.

Sabanas – Einmalbettwäsche

Manche Herbergen bieten Pilgern nun Sabanas (Laken auf deutsch) an, entweder als Wegwerfartikel oder als, frische die nur einmal pro Pilger verwendet werden und dann gekocht werden. Diese sollte man natürlich dankbar in Empfang nehmen und UNTER dem eigenen Reise Schutzlaken verwenden. Doppelt gemoppelt hält besser.

Vorsicht vor Wolldecken

Wer in der kühleren Jahreszeit, oder im Winter, unterwegs ist, dem werden von wohlmeinenden hospitaleros oft Wolldecken angeboten. Die bitte in eine Ecke, möglichst weit vom eigenen Bett und dem Rucksack ablegen und nicht benutzen – oder, besser sogar, völlig ablehnen. Aus Erfahrung weiß ich, dass diese so gut wie nie gewaschen werden und, weil aus Wolle, niemals gekocht werden. Wolldecken sind die reinsten Bettwanzenbrutstätten!

Ehrlich sein!

So, Bettwanzenbisse sind vorhanden und als Pilger hat man den Verdacht das auch unliebsame Schwarzfahrer im Rucksack sind, wie soll man sich nun in der nächsten Herberge verhalten?

Ehrlich hält am längsten, wie es so schön heißt, und auch wenn die hospitaleros nicht begeistert ist, wissen sie schon worum es geht und können gezielte Vorbeugungs- und Behandlungsmaßnahmen ergreifen. Auch wenn es den eigenen Stolz verletzt zu zugeben das man sich Bettwanzen eingefangen hat …

  • ‚Creo que tengo chinches en la mochilla‘, ‚Ich glaube ich habe Bettwanzen im Rucksack‘

ist ehrlicher und fairer gegenüber den Mit- und Nachpilgern als das Problem zu verschweigen – und weiterzugeben.

Autsch, es hat gebissen – Bettwanzenbisse und ihre Behandlung

Ob man die Bettwanzenbisse überhaupt bemerkt, wenig oder stark, hängt von jedem Einzelnen ab, und seiner allergischen Reaktion, oder das Fehlen derselben. Nicht jeder reagiert gleich – manche merken gar nichts und andere haben einen schweren allergischen Hautausschlag – und alles dazwischen. Wer allergisch reagiert kann in der nächsten spanischen Apotheke nach ‚Kalamina‘ fragen, einer hautberuhigenden Lotion die ursprünglich für Kinder mit Windpocken entwickelt wurde. Und wer, wie ich, Windpocken gehabt hat, weiß wie die jucken! Wenn Kalamina nicht mehr hilft, gibt es auch das altbewährte Fenistil zu kaufen. Extra Tipp: Wenn man das Gel über Nacht im Kühlschrank aufbewahren kann (Hospitaleros fragen!) wirkt es noch besser.

Wer mit alledem seine allergische Reaktion nicht in den Griff bekommt, muss sich zum nächsten Arzt im Centro de Salud (Gesundheitszentrum) auf den Weg machen und sich Kortison-haltige Medikamente verschreiben lassen.

Der Weg nach Hause, die schwierigste Etappe – Bettwanzen Einschleppung ins traute Heim vermeiden

Ich habe darüber schon einen ausführlichen Artikel hier >Bettwanzen bekämpfen – Auf Reisen< geschrieben, deshalb hier nur die Zusammenfassung:

  • Rucksack am Flughafen ‚einpacken‘ lassen entweder professionell oder ’selbst gemacht mit Frischhaltefolie‘.
  •  Den Rucksack zu Hause direkt in die Badewanne stellen und nur dort auspacken – Sachen kommen direkt in Behandlung oder verlassen die Badewanne nicht!
  •  Sich selbst völlig ausziehen und mit jeder Menge Seife und heißem Wasser duschen, frische Sachen von zu Hause anziehen.
  •  Was waschbar ist bei mindestens 60C für 30 Minuten waschen und wenn möglich auf ‚hoch‘ im Wäschetrockner trocknen.
  •  Gereinigte Sachen unverzüglich aus dem Badezimmer entfernen um Wiederbefall zu vermeiden.
  •  Alles in einer Sitzung reinigen, oder, wenn man wirklich zu müde ist, das Licht anlassen – Bettwanzen scheuen das Licht wie der Teufel das Weihwasser.
  •  Sachen die nicht gewaschen, oder nicht bei hohen Temperaturen gewaschen werden können, mindestens 72 Stunden bei mindestens -18C einfrieren.
  •  Sachen die weder gewaschen noch eingefroren werden (digitale Kameras!) können in doppelte oder dreifache Gefrierbeutel verpacken und bei nächster Gelegenheit einem Kammerjäger zur Begasung übergeben.
  •  Wenn die Reinigungsaktion vorbei ist, wieder ausziehen, wieder heiß duschen und wieder frische Sachen anziehen, NACHDEM das letzte Outfit in die Waschmaschine gewandert ist – sicher ist sicher.

 Zusammenfassung

Vorbeugung ist besser als heilen!

Kleidung und Ausrüstung so auswählen das sie leicht bei hohen Temperaturen waschbar ist und in den Trockner gehen kann.

Ohren offen halten auf dem Jakobsweg und lieber draußen schlafen als in einer verseuchten Herberge!

Den Spaß am pilgern nicht verlieren, der Jakobsweg gehört nicht den Bettwanzen, noch sind sie das wichtigste, sondern den Pilgern!

Wenn man zu Hause angekommen ist, den Rucksack, und alle Habseligkeiten so behandeln als ob sie mit Bettwanzen befallen wären – sicher ist sicher!

Bitte das folgende beachten:

Es macht keinen Sinn in Pilgerforen Herbergen zu erwähnen, in denen sie Bettwanzen ‚live‘ erlebt haben, die Situation kann sich inzwischen verändert haben. Stattdessen erwähnen sie bitte Pilgerherbergen die es gut machen und dem befallenen Pilger helfen, wie zum Beispiel die englische Herberge Gaucelmo in Rabanal del Camino.

Buen camino, sin chinches, a todos – Einen guten Jakobsweg, ohne Bettwanzen!

wünscht Bettwanze.org

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